Vom Sud zur Bierseite
Manchmal heißt es, Wein sei ein Hobby für Gärtner und Bier ein Hobby für Ingenieure.
Ganz falsch fühlt sich das für mich nicht an, aber ganz sauber ist der Gegensatz natürlich auch nicht. Terroir gibt es beim Bier ebenfalls. Hopfen ist nicht einfach Hopfen: Cascade aus den USA schmeckt anders als Cascade aus der Hallertau, und auch Jahrgänge können sich deutlich bemerkbar machen. Böden, Klima, Erntezeitpunkt und Verarbeitung spielen eine Rolle.
Der Unterschied liegt für mich eher woanders: Beim Wein hängt sehr viel unmittelbar an einem bestimmten Ort, einem Jahrgang und einer Ernte. Beim Bier kommt stärker die Komposition dazu. Malz, Hopfen, Hefe, Wasserprofil, Maischeführung, Gärtemperatur und Reifung werden bewusst kombiniert. Der Charakter entsteht nicht nur aus einer Herkunft, sondern aus vielen Stellschrauben.
Vielleicht gefällt mir das auch deshalb so gut. Ich bin selbst Ingenieur, und beim Brauen treffen sich zwei Dinge, die ich mag: ein handwerkliches Lebensmittel und ein Prozess, den man verstehen, dokumentieren und verbessern kann.
Zutaten aus dem Internet
Dazu kommt: Die Zutaten fürs Bier wachsen bei mir nicht hinterm Haus.
Malz, Hopfen, Hefe und manchmal auch Fruchtpüree oder andere Spezialzutaten kommen meistens aus dem Internet und landen ein paar Tage später im Braukeller. Der eigene Anteil beginnt also weniger im Garten als in der Auswahl: Welche Malze passen zusammen? Welcher Hopfen bringt das gewünschte Aroma? Welche Hefe kann das Rezept tragen? Und was passiert, wenn ich beim nächsten Sud an einer dieser Schrauben drehe?
Das klingt technischer, als es sich im Glas anfühlen soll. Am Ende geht es natürlich nicht darum, ein Datenblatt zu trinken. Aber beim Brauen hilft es, die Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Wenn ein Bier gut wird, möchte ich verstehen, warum. Wenn es nicht so wird wie gedacht, erst recht.
Mein Sudhaus: offen, topfbasiert und bodenständig
Mein Sudhaus ist kein All-in-one-System wie ein Brewtools B40, ein Speidel Braumeister oder ein ähnlicher Brauautomat. Natürlich sind auch solche Geräte vollständige Sudhäuser. Mein Aufbau ist nur anders: offener, topfbasiert und deutlich bodenständiger.
Die Basis ist ein 36-Liter-Gastro-Topf von SUS.
Gerade das gefällt mir. Vieles verschwindet nicht hinter einer Gerätesteuerung, sondern bleibt sichtbar und anfassbar. Ich kann messen, beobachten, eingreifen und beim nächsten Sud etwas verändern. Das ist nicht immer komfortabler, aber es macht den Weg vom Rezept zum fertigen Bier greifbarer.
Das heißt nicht, dass Bier nur aus Zahlen besteht. Am Ende zählt immer noch, was im Glas landet. Aber die Zahlen helfen dabei, aus einem einzelnen Sud eine Erfahrung zu machen, aus der der nächste Sud lernen kann.
Und genau an dieser Stelle beginnt mein digitaler Braukeller.
Vom Brauen zum Dokumentieren
Angefangen hat meine digitale Braudokumentation mit dem kleinen Brauhelfer. Das war für mich mehr als nur irgendein Programm. Als Open-Source-Fan hat mich der kbH genau an der richtigen Stelle abgeholt: eine klassische Desktop-Anwendung, kostenlos, nachvollziehbar, aus der Hobbybrauerwelt heraus entstanden — und damit sehr nah an dem, was ich mir unter guter Software für ein Hobby vorstelle.
Wer möchte, findet auch den Quellcode des kleinen Brauhelfers. Für mich war das damals ein wichtiger Punkt. Nicht, weil ich sofort am Programm mitentwickeln wollte, sondern weil es sich richtig anfühlte: ein Werkzeug von Hobbybrauern für Hobbybrauer.
Empfohlen wurde mir der kleine Brauhelfer von einem ehemaligen Kollegen. Wie ich dadurch überhaupt zum Brauen gekommen bin, ist eine eigene Geschichte. Für diese Serie ist erstmal nur wichtig: Der kbH war mein Einstieg in den digitalen Teil des Brauens.
Später habe ich meine Daten nach Brewfather übertragen. Seitdem ist der kleine Brauhelfer bei mir vor allem Archiv und Nachschlagewerk. Neue Sude kommen dort nicht mehr dazu. Das war eine bewusste Entscheidung, denn mehrere aktive Datenstände werden schnell ungeschickt. Ein Bier soll nicht an verschiedenen Stellen unterschiedlich heißen, unterschiedliche Messwerte haben oder mit unterschiedlichen Notizen weiterleben.
Aktuell wandert mein Workflow weiter Richtung BrewForge. Aber die grundsätzliche Frage bleibt dieselbe: Was passiert mit den Daten nach dem Brautag?
Ein Bier hört nicht nach dem Brautag auf
Ein Bier hört nicht auf, Daten zu haben, wenn der Brautag vorbei ist. Es gärt, reift, wird abgefüllt oder ins Fass gelegt, bekommt vielleicht einen Namen, eine öffentliche Seite, einen QR-Code, ein Etikett und später Verkostungsnotizen.
Genau dafür reicht Brausoftware allein nicht aus. Nicht, weil sie schlecht wäre. Sondern weil meine öffentliche Darstellung auf lubru.org, die Bierseiten und meine Etiketten ein eigener Teil des Workflows sind.
Ich möchte dieselben Informationen nicht mehrfach pflegen: einmal in der Brausoftware, einmal auf der Website und dann nochmal auf dem Etikett. Ein Bier soll eine gemeinsame Datenbasis haben. Daraus kann dann eine Bierseite entstehen, ein QR-Code-Ziel und bei Bedarf ein Etikett für die Flaschen, die den Braukeller verlassen.
Ein Etikett braucht wenig Platz. Eine Website darf mehr erzählen. Die Datenquelle sollte beides können.
Warum jedes Bier eine Adresse bekommen soll
Für die öffentlichen Bierseiten verwende ich ein einfaches Schema:
https://lubru.org/b/name
Der genaue Name soll stabil und eindeutig sein. Falls das nicht reicht, kann eine Sudnummer dazukommen. Wichtig ist: Der QR-Code auf dem Etikett zeigt nicht direkt auf eine Brausoftware oder irgendeinen fremden Dienst, sondern auf lubru.org.
Die Brausoftware ist mein Werkzeug. lubru.org ist die öffentliche Adresse des Bieres.
Das ist mir wichtig, weil Werkzeuge wechseln können. Der kleine Brauhelfer war der Einstieg, Brewfather war der nächste Schritt, BrewForge ist aktuell interessant. Vielleicht sieht der Workflow in ein paar Jahren wieder anders aus. Die Adresse auf dem Etikett soll deshalb nicht altern, nur weil ich irgendwann mein Werkzeug wechsle.
Was daraus werden soll
Diese Serie ist ein Blick in meinen digitalen Braukeller. Es geht um Braudaten, aber nicht um Daten um ihrer selbst willen. Es geht darum, aus einem Sud mehr zu machen als einen einmaligen Versuch: ein dokumentiertes Bier, eine nachvollziehbare Geschichte, eine öffentliche Seite und bei Bedarf ein Etikett für die Flaschen, die den Braukeller verlassen.
Die technische Dokumentation und die Skripte sollen später unter Projekte liegen. Dort bekommt auch der Etikettengenerator eine eigene Seite — ohne GitHub, ohne großes Softwareprojekt, einfach als offengelegtes Werkzeug aus meinem Braukeller.
Geplant sind unter anderem:
- eine Beschreibung des Bierdaten-Modells
- die Dokumentation zum Etikettengenerator
- Hinweise, welche Felder in BrewForge gepflegt werden müssen
- Beispiele für Bierseiten
Der nächste Teil erzählt, wie ich vom kleinen Brauhelfer über Brewfather zu meinem heutigen Workflow gekommen bin — und warum ich gerade vermeiden möchte, dieselben Bierdaten an mehreren Stellen zu pflegen.